Ein Jahr danach.

Die Mastektomie - 08.03.2005

Ja, es ist nicht zu fassen oder? Heute vor genau einem Jahr wurde ich meine Brüste los.
Ich bin richtig schockiert darüber, wie schnell die Zeit verging.
All die Jahre der Schmerzen und der Pein haben vor einem Jahr zum Teil ein Ende gefunden.
Kein Abbinden mehr, weniger schwitzen, kein nerviges "Gehänge" und ein Lebensgefühl das geiler nicht sein könnte!

Doch war was denn alles seitdem? OK abgesehen von der Hysto im Oktober letzten Jahres.
Wie waren die Reaktionen auf die unübersehbaren Narben an der Brust?
Hier will ich mal ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern. ;-)

Anfangs wollte ich nur noch oben ohne rumrennen, trug enge T-Shirts trotz der Wampe, die ich damals rumtrug - mittlerweile weniger davon.
Jeder, der mich kannte, aber so nichts von meiner Geschichte wusste - was nicht viele sind - haben mir wohl blöd nachgesehen, da ich nun engere Kleidung trug. Sie kannten mich als den introvertierten, komischen Kerl, der stets XL oder XXL trug, egal wie heiß es war. Angesprochen hatte mich keiner. Außer so Bemerkungen wie "Hast du abgenommen?" oder "Irgendwie hast du dich verändert.". Das wars aber.

Von den Leuten, die meine Geschichte kennen, sich dafür interessieren und mich oft sehen, sie fragten alle, ob es mir gut geht, ob alles gut lief. Ob ich noch Probleme hätte, wegen dem Wundwasser und ob ich es nicht bereue. Ihr wisst die Antworten! ;-)
Ich bereue es absolut nicht. Das war mit Abstand die beste Entscheidung meines ganzen bisherigen Lebens. Die Narben sind mittlerweile etwas dünner. Und jeder ist begeistert wie positiv ich mich verändert hätte. Nicht nur vom Aussehen. Angeblich hätte sich mein Wesen dahingegend verändert, dass ich viel offener wäre, mehr Spaß am Leben habe. Letzteres kann ich absolut bestätigen. Obwohl sich natürlich die Probleme des Alltags als solchen nicht verändert haben.

Tja und die Reaktionen der Leute, die mich nie zuvor sahen oder wenn, dann nur im Vorbeigehen auf der Straße? Beispiel: Umkleide im Fitnesscenter oder im Freibad.
Kürzlich sprach mich einer wegen der Narben an der Brust an. Ich sagte, es wäre eine OP wegen Schilddrüsenüberfunktion gewesen, weswegen sich Brüste gebildet hatten. Medizinisch korrekt oder nicht, der Kerl war zufrieden. Keine weiteren Fragen.

Eine noch witzigere Story war, dass ich ein Gespräch mit der Auszubildenden im Fitnesscenter hatte. Sie klagte über Bauchweh (wir alle wissen wie das ist). Ich fragte nur ob's das monatliche Problem wäre. Sie nickte und seufzte dann. Ich dachte nicht nach und sagte gleich drauf "Ach ja das kenn ich."
Himmel hat die mich dumm angesehen! Ich schüttelte den Kopf, hatte mich total verquatscht. Aber wie ihr wisst, Leute sind neugierig und ich kläre gern auf. Nun wars eben passiert und so erklärte ich es ihr. Sie hielt mich wohl für bekloppt, denn sie glaubte kein Wort.
Sie war dann aber sehr interessiert, fragte alles mögliche. Wir haben dann glatt über 1 1/2 Std. geredet. Sie wollte die Narben sehen, was für mich kein Problem war. T-Shirt gehoben und sie konnte die Narben sehen.

Bisher hatte ich, bezüglich der Mastektomie und deren Folgen, größtenteils positive Erfahrungen. Bis auf wenige Ausnahmen, womit aber zu rechnen war und die auch nichts mit der OP selbst zu tun hatten, sondern nur mit der dämlichen Intoleranz anderer.

Für mich ist das heute wie mein 1. Geburtstag und genau so feiere ich das auch. An Tagen wie diesen denke ich mir immer: Ist das Leben nicht geil?! Dank der Medizin, dem großartigen Tun von Dr. Kampmann, habe ich nun schon mal im Ansatz ein Leben wie ich es immer wollte. Das Körpergefühl stimmt (obenrum).

Nicht zu vergessen die Hysterektomie. Diese OP war verdammt unangenehm, also die Wochen danach. Ich hatte gemeine Schmerzen, aber der nochmals eintretende Pubertätsschub, nochmaliges Tieferwerden der Stimme und zu wissen, dass man nun vollkommen als Mann gilt, machen das Ganze auf alle Fälle wert!

Allen, denen diese OPs bevorstehen, die derzeit noch den Weg bis dorthin kämpfen:
Macht weiter, gebt nicht auf, es lohnt sich!

Denen sei aber auch gesagt: Überlegt es euch gut, sucht den/die richtigen Ärzte und überstürzt nichts. Das Gefühl danach entlohnt für ALLE Aufwände!

JLB, 08.03.2006
Update: 19.09.2006

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